Jasskarten
1.7. — 16.8.2026
WinkelriedhausWie der Jass in die Schweiz kam
Ein Zeitungsartikel im «Bund» von 1960 berichtet Folgendes über das Jassen: «Seit mindestens 400 Jahren gilt das Kartenspiel als schweizerisches Nationalspiel.» Und weiter: Es gebe in ländlichen Gegenden wenige Stuben, kein Bauernhaus und keine Alphütte ohne Jasskarten. Als Spielregel, zumindest in der Innerschweiz, gelte «Stöck – Wis – Stich», wie gedruckte Anschläge in den Wirtschaften verkünden würden. Und im Trumpfbauer stecke das alte eidgenössischen Bauerngeschlecht, welches durch die Jahrhunderte als bedeutendes und gefürchtetes Heervolk europäische Geschichte gemacht habe. Egal ob Schieber, Kreuzjass, Schellenjass, Bolschewiki, Bieter oder Hindersijass: Jassen gehöre zur Kultur. «Früher wurde in der Regel um eine Nidel und fünf Schilling gespielt wurde. Heute spielt man um den schwarzen Kaffee, um Wein oder 50 Rappen pro Tour.» So die Zeitung von 1960.
Diese Formulierungen sind traditionsbewusst und zeugen vom Stolz auf die lange Geschichte des Jasses in der Schweiz. Angesichts dieser Bedeutung befinden sich mehrere Jasskartensätze in der Sammlung des Nidwaldner Museums. Doch wie fand das heute allgegenwärtige Kartenspiel seinen Weg in die Schweiz? Gab es Vorgängerspiele? Und weshalb spielt Schaffhausen eine wichtige Rolle in der Geschichte des Jasses?
Wie die Spielkarten in die Schweiz fanden
Wer die Spielkarten erfand und wann sie erstmals auftauchten, lässt sich aufgrund der spärlichen Quellenlage nicht mit Sicherheit bestimmen. Wahrscheinlich gelangten sie im Spätmittelalter vom Orient entlang der Handelsrouten nach Mitteleuropa. Als ältester Nachweis für das Kartenspiel in der Schweiz gilt ein Spielkartenverbot des Berner Rats aus dem Jahr 1367. In den folgenden Jahrzehnten erscheinen weitere Quellen, die Kartenspiele in anderen Teilen der Eidgenossenschaft sowie in Ländern wie Spanien und den Niederlanden belegen.
Spielformen und Farbsysteme
Im Jahr 1377 beschreibt der Dominikaner-Mönch Johannes von Rheinfelden die ihm bekannten Kartenspiele und Spielregeln. Daraus geht hervor, dass das Standardspiel aus 52 Karten in vier Farben mit jeweils einem König, einem Ober, einem Unter sowie zehn Zählkarten bestand. Welche Symbole den Farben zugeordnet waren, wird jedoch nicht erwähnt. Bis ins 16. Jahrhundert existierten keine festen Farbsysteme. Erst um 1600 setzten sich bestimmte Farbzeichen durch, darunter das noch heute von den Jasskarten her bekannte System mit Rosen, Schilten, Schellen und Eicheln.
Etwa zur gleichen Zeit wird das vor dem Jass in Nidwalden weit verbreitete Spiel, das «Kaisern», ein erstes Mal in Quellen erwähnt. Im Landsgemeinde-Protokoll vom 29. September 1572 wird nämlich ein Spielverbot festgehalten, von welchem Tarock, Muntern und Kaisern jedoch ausdrücklich ausgenommen waren. Der Jass selbst taucht hingegen erst 1796 in Schaffhausen erstmals nachweislich auf.
Niederländischer Import
Der Jass gilt als Kartenspiel, welches von Werbern für holländische Söldnerregimente in die Schweiz gebracht wurde. «Jas» heisst dabei so viel wie «Bauer», und auch die Bezeichnung des «Nell» kommt aus dem Niederländischen.
Die erste Quelle, welche den Jass in der Schweiz nachweist, bezieht sich bezeichnenderweise auf ein Spiel zwischen zwei Bauern. Der Siblinger Pfarrer Balthasar Peyer klagte die beiden Bauern Max Tanner und Sebastian Weber beim Rat in Schaffhausenn, woraufhin sie zugaben, um ein Glas Wein ein Spiel gespielt zu haben, welches man als Jass bezeichne.
Im folgenden Jahrhundert gewann der Jass immer mehr an Popularität, bis er schliesslich die meisten älteren Kartenspiele verdrängte und zum beliebtesten Schweizer Kartenspiel wurde. Schaffhausen bleibt dabei nicht nur der Kanton, in dem der erste nachgewiesene Jass geklopft wurde, sondern er entwickelte sich später auch zu einem Zentrum der Schweizer Spielkartenfabrikation. Dort wurden auch die Spielkarten unserer Sammlung hergestellt
Der andere Röstigraben
Dass die Karten in unserer Sammlung, die aus dem Nachlass von Hans von Matt stammen, Deutschschweizer Karten sind, überrascht nicht. Bis heute verläuft in der Schweiz eine sogenannte «Jassgrenze» entlang der Brünig-Napf-Reuss-Linie. Sie trennt jene Regionenin denen vorwiegend Deutschschweizer Karten verwendet werden, von anderen Teilen, wo französische Karten dominieren. Diese kulturelle Grenze zeigt, dass sich zwar unterschiedliche Kartentraditionen entwickelt haben, der Jass jedoch in allen Landesteilen fest verankert ist.
Die Spielkarten aus der Sammlung des Nidwaldner Museums stehen somit nicht nur für ein beliebtes Kartenspiel, sondern auch für ein Stück lebendiger Schweizer Alltags- und Kulturgeschichte.
Ausstellung
Die «Deutschen Karten» sind vom 1. Juli bis am 16. August im Foyer des Nidwaldner Museums, Winkelriedhaus, ausgestellt.
Nidwaldner Museum, Engelbergstrasse 54, 6370 Stans
Mi: 14–20 Uhr, Do–Sa: 14–17 Uhr, So: 11–17 Uhr