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Müde Mädchen

Hans von Matt auf der Suche nach seiner Formensprache

25.3. — 19.4.2026

Winkelriedhaus

Im Mai 1974 beschloss die Kulturförderungskommission des Kantons Nidwalden, eine kantonale Kunstsammlung zu schaffen. Diese ist heute in den Häusern des Nidwaldner Museums zu sehen oder wird in den Museumsdepots aufbewahrt. Die Sammlung umfasst gegenwärtig rund 20’000 Objekte, wovon 388 Werke vom Maler und Bildhauer Hans von Matt (1899-1985) stammen. Zehn dieser Werke gehörten zu den ersten in die Sammlung aufgenommenen Kunstobjekten und wurden vom Künstler selbst gestiftet. Das Gemälde «Müde Mädchen» (1928) war zwar nicht unter diesen ersten zehn, es gelangte jedoch nur wenig später, im Februar 1976, ebenfalls als Schenkung in die Kunstsammlung. Es war in einer Phase entstanden, in welcher der junge Künstler sein Kunstschaffen hinterfragte und sich in einem Spannungsfeld zwischen verschiedenen Stilen bewegte. Auf der Suche nach seiner eigenen Handschrift erprobte er unterschiedliche Ausdrucksweisen.

Lehrjahre in Genf, Florenz, München & Paris

Nachdem Hans von Matt in Genf zunächst vom Expressionismus fasziniert wurde, entwickelte er später in Florenz auch Begeisterung für die Werke von Sandro Botticelli (1445-1510), einem der bedeutendsten Künstler der frühen Renaissance. Der folgende Aufenthalt in München war vor allem von der expressionistischen Nachkriegszeit geprägt, in der die bis dahin gültigen künstlerischen Grundsätze eine Umwertung erfuhren. In Paris folgte dann der starke Einfluss seines Lehrers André Lhote (1885-1962), welcher Von Matt den Kubismus nahebringen konnte.

Einbezug von Lyrik in seinem Schaffen

Auf diese vielen Einflüsse folgte für den Künstler, nun wieder in Stans, eine nachdenkliche Phase, in der er mit Idee, Gefühl und Form seiner Kunst haderte. Während er damit beschäftigt war, Kunst zu hinterfragen und intellektuell zu zergliedern, erhielt er erste Aufträge als Bildhauer. Dies kam ihm nicht ungelegen, weil er schon länger bemerkt hatte, dass ihm das Lineare und das Plastische besser lagen als das Malerische.

Bei den meisten seiner frühen Aufträge war sein Schaffen von linearen Formen und geometrischen Volumen geprägt. Als Zeitvertreib und formsprachlich im Gegensatz zu seinen Auftragsarbeiten begann von Matt um 1926 idealisierte, lyrische Mädchenköpfe und Terracottafiguren zu schaffen. Als Inspiration dafür dienten ihm Rainer Maria Rilkes Dichtungen. Von Matt war ein ausdauernder Leser und sein persönlicher Zugang zu Gelesenem prägte sein bildhauerisches Schaffen. Formsprachlich entfernte er sich zunehmend von linear-geometrischen Strukturen und wandte sich lyrisch-bewegten Formen zu. So wurden von Matts Figuren weicher, weniger kristallin und näherten sich der gesuchten eigenen künstlerischen Sprache an. Der Einbezug der Lyrik markiert einen Bruch in von Matts Schaffen, welcher einer schrittweisen formalen Neuorientierung gleichkommt.

«Müde Mädchen»

Das Gemälde «Müde Mädchen» von 1928 zeigt zwei Frauen, die zu schlafen scheinen oder zumindest sehr erschöpft wirken. Die Komposition ist ruhig, die Formen gekonnt in grossen Volumen zusammengeführt, wobei man von Matts Blick als Bildhauer deutlich herauslesen kann. Im vorliegenden Werk scheinen die Einflüsse von André Lhote und des Kubismus noch im Vordergrund zu stehen, während der Aspekt der Lyrik kompositorisch bereits angedeutet wird. Wo formal reduzierte Formen, geometrische Strukturen und stimmige Farbigkeit zu erkennen sind, ist auf inhaltlicher Ebene das Interesse an Poesie im Motiv des «Sich-Abstützens» schon erkennbar. Von Matt beschrieb eine seiner Mädchen-Terracotten (Mädchen am Fenster) wie folgt: «Ein Mädchen stützt seinen Kopf auf den Arm, und dieser nimmt gleich einer tragenden Säule das Gewicht der schweren Kugel auf – schwere Kugel auf stützender Säule – schwerer Kopf auf stützendem Arm – müder Kopf – müdes Mädchen – man sieht, wie vom reinen Volumen zum lyrischen Thema unmerklich der Übergang sich vollzieht.» Dieser Beschrieb stammt aus dem Jahr 1931 und trifft in seinem Kern auf das hier gezeigte Werk ebenso zu, wie auf die beschriebene Mädchen-Terracotta. Je intensiver sich von Matt mit dem Lyrischen auseinandersetzte, desto runder und bewegter wurden die Formen in seinem Schaffen.

Dieses Werk befindet sich, in Anbetracht des Entstehungsjahres, vermutlich an einem Übergangspunkt. Es markiert den Aufbruch von einem eher linearen hin zu einem lyrisch bewegten Kompositionsstil und verbindet damit die Ausdrucksweisen zweier Schaffensphasen.

Infos

  • Saalblatt
    9.4.2026
    484 KB
Bild zur Ausstellung: Müde Mädchen