Büste des Frédéric-César de La Harpe (1818) von Joseph Maria Christen

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Objekt des Monats Februar 2017

Büste des Frédéric-César de La Harpe, NM 434
Büste des Frédéric-César de La Harpe, NM 434

Ein Charakterkopf blickt uns entgegen. Der Mann nimmt Raum ein. Wir könnten ihn von vorne oder von hinten betrachten, wir könnten uns neben ihn stellen, wir könnten ihm auf Augenhöhe begegnen. Man kann sogar einzelne Haare sehen. Doch wer ist er? Was hat er getan?  Weshalb wird gerade sein Kopf wie bei den Römern in lebensechter Grösse und mit unzähligen Details aus einem Marmorblock geformt?

Zu diesem Kopf gehören drei Geschichten: Jene des Dargestellten, jene des Künstlers und jene der Schweiz. Ein Nidwaldner Bildhauer aus einfachen Verhältnissen bildete einen Waadtländer Politiker und Kosmopoliten ab. Die Büste zeigt Frédéric-César de La Harpe und geschaffen wurde sie von Josef Maria Christen. Die Büste entstand in der Zeit der Restauration und ist ein Fenster zu den vielfältigen politischen Umwälzungen, die zwischen dem Ende der Alten Eidgenossenschaft 1798 und der Gründung des Bundestaates 1848 stattgefunden haben. Die Lebensgeschichten beider Männer und die Geschichte dieser Büste erzählen davon, wie die Schweiz am Anfang des 19. Jahrhunderts mehrfach neu entworfen und ausprobiert wurde, bis sie die Gestalt ihrer heutigen Form annahm.

Frédéric-César de La Harpe wurde 1754 in Rolle geboren. Er war Jurist, Politiker und Erzieher und spielte in mehreren Momenten eine entscheidende Rolle in der Geschichte der Schweiz und besonders in der Geschichte des Kantons Waadt. Als junger Anwalt in der Waadt erlebte er die Herrschaft des Kantons Bern über das Untertanengebiet. De La Harpe geriet beruflich so stark unter Druck, dass er das Gebiet der Schweiz verlassen musste. In den 1780-er Jahren begleitete er junge Russen auf der Grand Tour durch Europa, er führte sie also an kulturell bedeutende Orte wie Paris oder Rom, um sie zu aufgeklärten, kunstsinnigen Männern zu erziehen. Diese Beschäftigung verdankte er der Vermittlung von Katharina der Grossen und sie war es auch, die ihn an den russischen Zarenhof berief, um ihre Enkel Alexander und Constantin zu unterrichten. Alexander sollte später zum Zaren Alexander I. werden und blieb zeitlebens in Kontakt mit seinem Schweizer Lehrer. Er unterrichtete die Prinzen in Französisch, Geschichte und Philosophie wie sein Vorbild Rousseau und vermittelte ihnen sein republikanisches Gedankengut, die Idee der Religionsfreiheit und jene der individuellen Rechte.

De La Harpe verbrachte gut zehn Jahre in Russland. Während dieser Zeit verfolgte er die Geschehnisse in seiner Heimat genau und setzte sich seit 1789 dafür ein, dass das Waadtland unabhängig von Bern wurde und politische Selbstbestimmung erhielt. Er verfasste viele Briefe und Essays zu diesem Thema und wurde 1791 wegen seiner Aktivitäten von Bern geächtet. Als er aus Russland zurückkehrte, liess er sich auf Genfer Gebiet nieder und kämpfte weiter für einen eigenständigen Kanton Waadt. Er war es auch, der die Franzosen in einer Petition aufforderte, die Waadt unter militärischen Schutz zu stellen, was zum Franzoseneinfall von 1798 führte. Als Napoleon den Schweizer Orten die Helvetische Verfassung diktierte und damit die Ordnung der Alten Eidgenossenschaft verwarf, war die Waadt der erste Kanton, der sie akzeptierte. Im gleichen Jahr wurde de La Harpe Mitglied des Führungsgremiums der Helvetischen Republik, des Direktoriums. Weil er sich aber um eine autoritäre Einflussnahme bemühte und sich als Alleinherrscher aufzubauen versuchte, wurde er gestürzt und musste die Schweiz wieder verlassen. Jahre später setzte er sich am Wiener Kongress für einen eigenen Kanton Waadt ein und vertrat die Interessen verschiedener Schweizer Kantone.

Zur gleichen Zeit etablierte sich Joseph Maria Christen langsam als Bildhauer. Er war am 22. Februar 1767 in Buochs geboren und lebte in einer sehr anderen Schweiz, als der Mann, den er einst porträtieren sollte. Seine Familie lebte sehr einfach und Christen ging als Kind nicht zur Schule, sondern musste zu Hause helfen. Er wuchs in der deutschsprachigen, ländlichen Urschweiz auf. Er kam schon in jungen Jahren mit der darstellenden Kunst in Kontakt, denn sein Vater war neben seinem Beruf als Hirte auch Helgelimaler und Bildschnitzer. „Helgeli“ (Leidhelgeli) sind Gedenk- und Andachtsbilder, die das Porträt von Verstorbenen zeigen und teilweise noch heute an Beerdigungen und Jahrzeiten verteilt werden. Christen hatte sich schon als Jugendlicher ausgezeichnet, denn er erhielt 1758 mit der Hilfe von Johann Melchior Wyrsch die Chance, an die neu gegründete Zeichenschule in Luzern zu gehen und dort seine Laufbahn als Künstler zu beginnen. Drei Jahre später ging er nach Rom und lernte dort bei einem Schweizer Bildhauer, Alexander Trippel. In dieser Zeit entwickelte er seinen Stil und kam in Kontakt mit den klassizistischen Idealen.

Christen richtete sich in seiner Kunst seit diesem Aufenthalt nach den klar umrissenen Formen der antiken Bildhauerei und so erscheint auch die Büste von de La Harpe, als könnte sie in einer römischen Villa aufgestellt gewesen sein. Sie ist ein Beispiel für die Skulpturen des Klassizismus, der Kunstepoche die von circa 1770-1840 in Europa vorherrschte. Die Rückbesinnung auf die geradlinigen, schnörkellosen Formen, Figuren und künstlerischen Prinzipien der Antike und der Renaissance war eine Reaktion auf die aufwendigen Verzierungen und Ausschmückungen des Barock und des Rokoko. Die Darstellung von mythologischen Figuren, von Heiligen und auch von Zeitgenossen wurde wieder in die schlichte, realistische Bildsprache des Altertums gefasst. So ist es nicht verwunderlich, dass auch Christen sich von dieser Tradition inspirieren liess. Er schuf im Lauf seines Lebens viele Porträts als Skulpturen oder Medaillons im gleichen Stil.

Seit dem Wiener Kongress von 1815 bestand eine enge Beziehung zwischen den Kantonen Waadt und Aargau, denn de La Harpe und Albrecht Rengger, der Vertreter des Aargaus, hatten sich gemeinsam dafür eingesetzt, dass diese Kantone eigenständig bleiben konnten und ihr Territorium nicht wieder Teil des Berner Gebiets wurden. Der Aargau wurde in der Folge zu einem Gegengewicht zu Bern und Zürich, während die Waadt ein eigener Kanton wurde und nach Genf orientiert war. Nicht zuletzt durch den Kontakt von de La Harpe zum russischen Zaren wurde dies möglich. Das ist auch der Grund dafür, dass die Aargauer Regierung eine Porträtbüste von ihm anfertigen liess. In Anlehnung an die Walhalla des Bayrischen Königs Ludwig I wollte auch der Kanton Aargau eine Ruhmeshalle voller verdienter Persönlichkeiten einrichten. Wie schon für die Halle in Regensburg wurden einige Aufträge an den, so seine Zeitgenossen[1], „besten Schweizer Bildhauer“ vergeben.

Dieser Künstler war Joseph Maria Christen. Er lebte seit 1800 in der Nordwestschweiz, vor allem in Basel. Er war von seiner ursprünglichen Heimat entfremdet. Durch seine Heirat mit einer Reformierten wurde er zuvor in Nidwalden aus dem Bürgerrecht ausgeschlossen und es brauchte mehrere Anläufe der Familie, um das Bürgerrecht in Stans schliesslich wieder zurückzuerhalten. Auch seine Kunst fand laut Hans von Matt[2] wenig Anklang. Im Jahr 1819 erhielt die Familie Christen das Bürgerrecht in Aarau, nach dem Joseph mehrere Arbeiten für die Regierung ausgeführt hatte, so auch 1818 die Büste von Frédéric-César de La Harpe. In dieser Phase seines Schaffens war die Porträtdarstellung eines der häufigsten Motive Christens. Wie de La Harpe war auch er 1815 in Wien, und bildete dort viele bekannte Teilnehmer des Kongresses ab, darunter Fürst von Metternich und Alexander I.

Die Büste, die heute als Dauerleihgabe des Kunstmuseums Aarau Teil der Sammlung des Nidwaldner Museums ist, ist 56 cm hoch und 38 cm breit, sie entspricht in ihren Dimensionen also denen eines menschlichen Oberkörpers. Sie ist aus Marmor gefertigt und von Joseph Maria Christen signiert. Sie zeigt das Können eines Nidwaldners, der viel in der Schweiz und dem Europa der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unterwegs war – sowohl geistig als auch auf Reisen. Er bewegte sich in der gleichen Denkwelt wie Frédéric-César de La Harpe, in der die Freiheit ein zentrales Element darstellte. Beide Männer sind Teil einer sehr bewegten Phase der Schweizer Geschichte, die man am besten mit dem Wort „Aufbruch“ beschreibt. Für den Politiker war die Freiheit seines Kantons das Ziel aller Anstrengungen und viele Opfer wert, für den Bildhauer bedeutete sie, die eigene Ausdrucksweise zu finden und sich den klassizistischen Idealen zu verschreiben. Der Weitblick, den Christen seiner Büste verlieh, ist Ausdruck dieser Aufbruchsstimmung. Während de La Harpe als einer der grossen Männer in die politische Geschichte einging, verstarb Christen alleine und eingesperrt und ging lange Zeit vergessen. Die späten Jahre seines Lebens verbrachte er als sogenannter Nervenkranker zuerst in Königsfelden und dann in der „Hilfsirrenanstalt“ Thorberg. Christen war ein Mann mit einem rastlosen Wesen, seine Arbeit zeigt jedoch, wie gross sein Talent und seine Verflechtung mit den Ereignissen der Schweizer Geschichte waren.

Autorin: Alexandra Heini, 2017


Literaturangaben

Sonia Arnal, "Fréderic-César Laharpe. «Fossoyeur» puis saveur des Suisses", in Allez Savoir Nr.28, 2004, 3-10.

Marie-Claude Jequier, "Fréderic-César de La Harpe. Une vie au service de la liberté" in: Revue Historique Vaudoise Nr. 107,1999,5-27.

Oliver Meuwly, "La Harpe, ce Vaudois intime du tsar qui horrifie les Bernois", in: Le Temps, Online-Ausgabe vom 20.8.2014.

Antoine Rochat, "La Harpe, Fréderic-César de" in: Historisches Lexikon der Schweiz online, (http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D15222.php , 2.2017)

Dieter Ulrich, "Christen, Joseph Anton Maria" in : SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz,(http://www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=4023490&lng=de 2. 2017)

Hans von Matt, Der Bildhauer Joseph Maria Christen 1767-1838. Sein Leben, sein Werk und seine Zeit. Quellen und Forschungen zur Kulturgeschichte von Luzern und der Innerschweiz Bd. 3 (Hg. Josef Schmid), Luzern 1957.

Website: https://talmuseum.ch/leidhelgeli (2.2017)


[1] Vgl. Von Matt 1957, S.7.

[2] Vgl. Von Matt 1957, S. 42.

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