Beinschnitzerei

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Objekt des Monats April 2019

Beinschnitzerei, NM 6920
Beinschnitzerei, NM 6920

Kreuzigungsszene als Knochenschnitzerei, NM 6920

Es ist wieder soweit, in den Läden stapeln sich bunt gefärbte Eier, feine Schoggi-Hasen und allerlei süsses Gebäck: Ostern steht vor der Tür. Zwischen all dieser Pracht geht leicht vergessen, was dieser Tage überhaupt gefeiert wird. Für das aktuelle "Objekt des Monats" wollen wir uns deshalb anhand eines Kruzifixes aus der Sammlung des Nidwaldner Museums auf die Spuren des Osterfestes begeben und dessen Beziehung zur materiellen Kultur Nidwaldens genauer untersuchen.  

Kruzifix, von lateinisch crucifixus, bedeutet wörtlich ans Kreuz geschlagen und meint Darstellungen des gekreuzigten Christi. Wie bei unserem Objekt kann der Gekreuzigte von weiteren Figuren begleitet sein: von der trauernden Gottesmutter Maria, dem Jünger Johannes, aber auch von den speertragenden Soldaten, die Christus am Kreuz bewachten. Kruzifixe, oder Kreuzigungsszenen, sind nicht nur in Kirchenräumen, sondern auch in privaten Haushalten oder öffentlichen Gebäuden sehr präsent. Bei der Wahl der Materialien sind den Künstlerinnen und Künstlern keine Grenzen gesetzt, so scheint es; unser Kruzifix wurde aus einem Stück Knochen geschnitzt. Diese materielle Eigenschaft knüpft eine faszinierende Verbindung zum Inhalt der Darstellung, welche auf mehreren Ebenen sichtbar wird. Die längliche Form des Knochens eignet sich ideal für die schmale, hohe Kreuzigungsszene. Die Darstellung versucht auch gar nicht, die ursprüngliche Form des Knochenstücks zu verstecken, sondern lässt diese im Gegenteil in das Bild einwirken. So erinnert die natürliche Ausformung des Knochens unten etwa an einen Hügel. Die Kreuzigung Christi fand auf dem Hügel Golgatha statt – und dieser wiederum barg der Überlieferung zufolge auch die Gebeine Adams, womit eine weitere Verbindung von Inhalt und Material entsteht.

In unser Objekt eingeschnitzt findet sich die Inschrift "F. Niederberger 1957". Der Künstler stellt sich mit seiner Beinschnitzerei in eine lange Tradition von (Kunst-)Handwerkern, die sich mit dem Werkstoff Knochen befassten. Knochen werden weltweit seit Jahrtausenden verarbeitet, sei es zu Werkzeugen wie Nadeln, zu Alltagsgegenständen wie Löffeln oder Kämmen, oder eben zu Kunstwerken. Neben der vergleichsweise leichten Verarbeitung dürfte vor allem die stete Verfügbarkeit des Materials zu seiner Beliebtheit beigetragen haben. Auch in der Schweiz existiert eine entsprechende Tradition, die sich bis heute erhalten hat. Allerdings büsste der Werkstoff Bein zuletzt immer mehr an Bedeutung ein, aktuell lassen sich die Bein- respektive Hornschnitzerinnen und –schnitzer hierzulande an zwei Händen abzählen.[1] Gräbt man sich durch die Sammlung des Nidwaldner Museums, begegnen einem nur wenige Knochenschnitzereien aus jüngerer Zeit. Kruzifixe und andere religiöse Gegenstände sind jedoch nicht nur in der Sammlung, sondern auch im Alltag äusserst häufig vertreten. Dies geht zurück auf die katholische Kirche, welche die Kultur der Innerschweiz im 19. Jahrhundert stark prägte und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ihre dominierende Rolle behaupten konnte. Ihre Strukturen und Institutionen banden die Bevölkerung ein und förderten die Volksfrömmigkeit. Noch im Jahr 1950 waren 92% der Einwohner Nidwaldens katholischen Glaubens.

Die Beliebtheit der Kreuzigungsszene nicht nur als Beinschnitzerei, sondern auch in zahlreichen anderen Materialien, lässt sich mit ihrer Bedeutung für die christliche Heilslehre erklären. Sie vereint die wichtigsten Elemente des christlichen Glaubens. Indem er den Kreuzestod stirbt, dem wir an Karfreitag gedenken, opfert sich Christus selbst und tilgt die Sünden der Menschheit. Mit seiner Auferstehung von den Toten am Ostersonntag verweist er auf das zentrale Versprechen der Heilslehre, nämlich das Weiterleben der Seele nach dem Tode. Das Kruzifix funktioniert in dieser Position als Vermittler zwischen der himmlischen Welt Gottes und der irdischen Welt der Gläubigen. Es zeigt ausserdem auf, wie sich religiöse Vorstellungen als materielle Gegenstände manifestieren können. Und nicht zuletzt erinnert es eindrücklich an die christlichen Grundlagen des Osterfestes.

Autorin: Bettina Thommen, April 2019



[1] www.ballenbergkurse.ch/handwerk/beinschnitzerin-beindrechslerin-hornschnitzerin.ch (Zugriff 11.04.19)

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