Druckgrafik Älplerchilbi Stans

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Objekt des Monats Oktober 2015

Älplerchilbi, Druckgrafik, NM 10100
Älplerchilbi, Druckgrafik, NM 10100

Der Dorfplatz in Stans, im Hintergrund die mächtigen, weissen Berge, zur Linken erkennt man die Pfarrkirche: Davor haben sich viele Menschen versammelt, sie wenden sich gespannt dem eigentlichen Geschehen zu, tanzen, die Kinder erschrecken sich am Butzi. In der Mitte des Bildes, heroisch auf einem kleinen Podest, steht ein Älpler und schwingt eine grosse Fahne. Für jede Nidwaldnerin und jeden Nidwaldner wird in diesem Moment klar, was das Bild zeigt: die Älplerchilbi.

Seit 200 Jahren (nachweislich – und wahrscheinlich schon länger) feiert man in Stans dieses religiös motivierte Erntedankfest. Nachdem die Viehsömmerung abgeschlossen und die Älpler zurück im Tal sind, vergnügen sich bei Essen, Musik und Tanz Frauen, Männer und Kinder und danken dem Herrn für die empfangenen Gaben. 1778 wurde die Älplerbrüderschaft Stans gegründet, seither wird jährlich am dritten Sonntag im Oktober der Abschluss des Bauernjahres beim Gottesdienst in der Pfarrkirche und danach auf dem Stanser Dorfplatz gefeiert. In der Publikation zum zweihundertjährigen Bestehen der Älplerbruderschaft Stans schrieb der 1. Bruderschaftspfleger Robert Wagner zur Gründung der Gemeinschaft:

Vor 200 Jahren waren unsere Alpen weder mit Strassen noch mit Seilbahnen erschlossen. Der Älpler lebte sein Leben auf den Bergen einsam und abgeschieden vom Tal. Sein Tagwerk war mühsam, das einzige Transportmittel die Traggabel. Damals, wie auch heute noch, waren Hirten und Sennen und ihr anvertrautes Vieh vielen Gefahren und unheilvollen Naturgewalten ausgesetzt. Im Herbst 1778 haben sich die Älpler der fünf im Vorwort erwähnten Gemeinden (Stansstad, Kehrsiten, Obbürgen, Ennetmoos, Oberdorf und Dallenwil) nach der Alpabfahrt zusammengefunden, um gemeinsam die Heimkehr ins Tal mit einer Älplerkilbi zu feiern. Gleichzeitig wurde zu Ehren der heiligen Bauernpatrone Antonius und Wendelin eine Älplerbrüderschaft gegründet. Ihr gehören nicht nur Älpler und Bauern an, sondern auch Frauen und Männer aus allen Schichten und Berufen unserer Bevölkerung.[i]

Noch heute ist die Stanser Älplerchilbi ein Volksfest, an dem Leute von Nah und Fern teilnehmen. Das alte Brauchtum und die dazugehörigen Traditionen werden nach wie vor gepflegt und vieles hat sich in den über 200 Jahren Geschichte kaum verändert. So gehören zum Beispiel der Wildmaa und das Wildwiib, in Nidwalden Butzi genannt, seit jeher zur Älplerchilbi. Eine märchenhafte Geschichte erzählt wie diese Menschen früher als wilde Heiden in den Bergen gelebt haben, wo sie den Älplern im Sommer unter die Arme gegriffen und ihnen mit guten Ratschläge zur Seite gestanden haben. Zum Dank wurden die Wilden an die Chilbi ins Tal eingeladen. Nach einer Weile aber waren die Wilden aus der Gegend verschwunden. Weil man die Gäste an der Chilbi vermisste, werden der Wildmaa und das Wildwiib seither im Maskenkostüm nachgeahmt. Der Wildmann mit einem mit Tannflechten durchwobenen Zottelkleid aus Leinen, einer Baumrinde als Kopfbedeckung und einer garstigen Maske vor dem Gesicht; auch seine Wildfrau trägt eine Maske und ein junges Tännchen als Zepter, mit dem sie vor dem Ehrenprediger dessen Weg wischt, wenn er aus der Kirche tritt. Daneben treiben die beiden allerhand Unfug und werfen Süssigkeiten in die Menge.

Als traditionell religiöses Fest beginnt die Älplerchilbi mit dem Gottesdienst, der meistens als Jodlermesse gestaltet wird – mit Jodel, Gesang und Alphorn untermalt. Oft gehört auch der Betruf, den die Älpler auf der Alp allabendlich ins Tal hinausrufen, zum Programm. Er ist als eine Art archaische Gebetslitanei zu verstehen und wiederspiegelt die erdverbundene Religiosität der Älpler. Nach dem Eintreiben und Melken der Kühe werden über den Betruf in alle vier Himmelsrichtungen Maria und die verschiedenen Heiligen angerufen, die um Schutz für alle Lebewesen, das Hab und Gut auf der Alp, vor möglichen Gefahren der Nacht und Geistern gebeten werden. Seit 450 Jahren lässt sich der Betruf in den Schweizer Alpen nachweisen – eine sehr alte Tradition, die heute als eine der ältesten Formen der Volksmusik gilt.
Beim Einzug in die Kirche sind die Älplerinnen und Älpler festlich gekleidet; die Trachten werden mit Gestecken aus Alpenblumen verschönert. Allen gemeinsam ist der typische Rosmarinzweig, der heute noch das Vertrauen in Gottes Gesundheitsgarten symbolisiert. Nach dem Auszug aus der Kirche, findet das Fest auf dem Dorfplatz seine Fortsetzung. Verschiedene Darbietungen, Umzugswagen und die Kundgebung gereimter Sprüche, mit denen amtierende Älpler aufs Korn genommen werden aber auch Ereignisse aus Dorf und Land behandelt werden, leiten schliesslich den Älplertanz ein.

Die Älplerchilbi ist nur einer der vielen Bräuche, die im Kanton Nidwalden bis heute gelebt werden. Die meisten davon – teilweise seit Jahrhunderten gelebt und gepflegt – sind geprägt vom ländlich-bäuerlichen Alltag und dem regional tief verankerten Katholizismus. Für viele Menschen aus der Region sind die Traditionen und das Brauchtum wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – und das über das individuelle Engagement in Vereinen oder Vorständen hinaus, als Identifikation mit einer kulturellen Identität. Wenn es um solche Brauchtümer geht, stösst man gerade in Bergregionen immer wieder auf den Begriff der „alpinen Kultur“. Dazu gehören Bilder von schroffen Felswänden, prächtigen Kühen, fleissigen Bauersfrauen genauso wie die Klänge des Alphorns, des Betrufs oder des Naturjodels. Auch die Älplerchilbi gehört auf der Ebene solcher Zuordnungen in die in vielen Köpfen klar konturierte „alpine Kultur“, die sich stark von städtisch-urbanen Brauchtümern unterscheidet.

Sicher gehört zum Bewahren von Tradition und Brauchtum der Wille der einheimischen Bevölkerung, der lokalen Politiker und den Tourismusverbänden. Aber: Es gibt auch in der Wissenschaft eine lange Forschungstradition, die im alpinen Raum immer wieder die Ursprünglichkeit der alpinen Kultur, die Kontinuität, die ungestörte Traditionsbildung und Entwicklung hervorgehoben hat. „Der Alpenraum galt daher geradezu als ‚Reliktlandschaft, die stärkste Bewahrerin alter Formen‘, als Rückzugsgebiet, in dem sich ‚Urformen‘ erhalten haben, die einen direkten Weg zur ‚Volksseele‘ weisen.“[ii] Das Zelebrieren einer urtümlichen Abgeschiedenheit, die Besinnung auf jahrhundertealte Bräuche und Wertevorstellungen mag an einem Anlass wie der Älplerchilbi noch immer vorherrschend sein. Doch auch wenn diese Bräuche in traditionell-regressiver Art und Weise gepflegt werden, hat auch die Älplerchilbi in ihrem über zweihunderjährigen Bestehen eine Öffnung erfahren, an Zuschauern und Liebhabern gewonnen und Frauen in der Aufnahme in ein Amt gleichberechtigt.

Die Älplerchilbi 2015 findet am Sonntag, 18. Oktober statt.

Autorin: Magdalena Bucher, 2015

Literaturangaben:

Älplerbruderschaft Stans (Hg.): 200 Jahre Älplerbruderschaft Stans. Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums. 1978.

Leimgruber, Walter: Alpine Kultur: Konstanz und Wandel eines Begriffs. In: Kulturelle Diversität im Alpenraum. Workshop der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. Thun, 29./30.Nomber 2001.

 Niederberger, Josef: Älplerchilbenen in Nidwalden. „… was Bruich und Ornig isch“. In: Wander-Revue. 2003.



[i] Älplerbruderschaft Stans (Hg.): 200 Jahre Älplerbruderschaft Stans. Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums. 1978.

[ii] Leimgruber, Walter: Alpine Kultur: Konstanz und Wandel eines Begriffs. In: Kulturelle Diversität im Alpenraum. Workshop der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. Thun, 29./30.Nomber 2001.

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