A.2 Fakten und Fiktionen —
Ereignis und Mythos

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aus: Diebold Schilling, Spiezer Chronik, Burgerbibliothek Bern
aus: Diebold Schilling, Spiezer Chronik, Burgerbibliothek Bern

Habsburger und Eidgenossen kämpften im 14. und 15. Jahrhundert um die Vorherrschaft im Gebiet der heutigen Schweiz. Die nach der Pest (1347–1353) erstarkten Städte wie Luzern begannen die Herrschaft in ihrem Umland auszubauen. Damit kamen sie mit den Interessen der Habsburger in Konflikt, welche ihrerseits ihren Einfluss auszuweiten versuchten. Zahlreiche Kriege waren die Folge – der Sempacherkrieg war nur einer davon.

Die sogenannte Schlacht von Sempach war wohl nicht geplant gewesen. Zufällig trafen sich die Heere der Habsburger und der Eidgenossen oberhalb des Städtchens Sempach (vgl. Was das Denkmal erzählt). Aus einem Scharmützel wurde am 9. Juli 1386 die grösste Schlacht des Sempacherkrieges zwischen den Innerschweizer Orten und dem habsburgischen Adel. Habsburg verlor schliesslich die Herrschaft an die eidgenössischen Orte. Erst 1474, also fast hundert Jahre später, beendete ein Friedensvertrag diese Auseinandersetzungen.

Viel weiss man nicht über den Verlauf der Schlacht – und ein Winkelried wird über 150 Jahre lang nirgends erwähnt. Lange Zeit dominiert Herzog Leopold von Habsburg die Geschichtsschreibung. Der Heerführer Leopold stirbt «auf dem Seinen, um das Seine, von den Seinen». Das heisst, er stirbt auf seinem Herrschaftsgebiet, im Kampf um sein Erbe, umgebracht von seinen Untertanen. Diese Formel ist der Kern des österreichischen Geschichtsbildes. Vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Dreiständelehre bedeutet das, dass die Eidgenossen die gottgewollte Ordnung auf den Kopf gestellt haben, weil sie ihren rechtmässigen Herrn umgebracht und sich selbst an die Stelle des Adels gestellt haben.

1533 erscheint Winkelried zum ersten Mal als eidgenössische Antwort auf den österreichischen Helden in einem Volkslied, dem «Halbsuterlied». Die Eidgenossen stellten mit der Winkelriedgeschichte der habsburgischen Propaganda eine eigene Version der damaligen Ereignisse gegenüber. Dank dem Halbsuterlied verbreitete sich Winkelrieds Ruhm und fand Eingang in die Chroniken und schliesslich in die Geschichtsbücher.

Winkelried ist eine mythische Figur, genauso wie Wilhelm Tell. Seine Tat erklärte im Nachhinein nicht nur den Sieg der Eidgenossen bei Sempach. Sein Opfer für die Gemeinschaft wurde zum Symbol eidgenössischer Tugend (vgl. Wozu ein Denkmal für Winkelried?). Auf diesen Gemeinschaftssinn war man stolz – und erklärte damit auch den Erfolg der Eidgenossen auf der politischen Bühne des 15. Jahrhunderts.


Bildnachweis: Bern, Burgerbibliothek, Mss.h.h.l.16, S. 456; Diebold Schilling, Spiezer Chronik, 1484/85. Foto: Codices Electronici AG, www.e-codices.ch.

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